Aufgewachsen in Schleswig-Holstein an der Elbe und mit familiärem Bezug zu Nord- und Ostsee entwickelte er früh seine Liebe zum Meer. Der Wunsch, Meeresbiologe zu werden, führte zunächst in Forschung und Lehre, bevor sein Gestaltungsdrang mehr Praxis verlangte – mit Erfolg: Seit 17 Jahren leitet Dr. Kim Cornelius Detloff den Bereich Meeresschutz des NABU (Naturschutzbund Deutschland e.V.).
Herr Dr. Detloff, welche Rolle spielt der NABU heute beim Schutz unserer Gewässer – von der Quelle bis zum Meer?Die Frage trifft es genau. Beim NABU schauen wir nicht nur auf einzelne Arten oder Aktivitäten wie die Fischerei, sondern auf das gesamte Ökosystem und die Verbindungen von Land und Meer. Für die Fischerei bedeutet das: Neben Management müssen wir auch Nährstoffbelastungen reduzieren, damit sich Fischbestände erholen. Dieser ganzheitliche Blick wird immer wichtiger – und das gefällt mir sehr.
Die Havel-Renaturierung zeigt, wie NABU und Partner wie EGGERS zusammenarbeiten. Welche Bedeutung haben solche Projekte für das Ökosystem?Die Entwicklungen an der Unteren Havel sind einfach großartig. Hier realisiert der NABU seit mehr als 15 Jahren Europas größtes Renaturierungsprojekt. Aus einem eingezwängten Flussabschnitt wird eine vielfältige Landschaft mit Flachwasserzonen und Auenwäldern. Die technischen Maßnahmen erhöhen gleichermaßen die Biodiversität und dienen dem Klima- und Hochwasserschutz. Denn Feuchtgebiete und Moore sind als natürliche Kohlenstoffsenken wichtige Partner zur Bewältigung der Klimakrise. Das gilt auch für marine Salzwiesen und Seegräser in Nord- und Ostsee. Das Projekt an der Havel ist damit eine der Blaupausen für das EU-Gesetz zur Wiederherstellung der Natur, welches im letzten Jahr in Kraft trat.
Warum ist es so wichtig, Flüsse und Auen wieder in einen naturnahen Zustand zu versetzen?Unsere Gewässer sind überwiegend in schlechtem Zustand, was Biodiversität und Landschaftswasserhaushalt belastet. Begradigte Flüsse ohne Überflutungsflächen erhöhen Hochwasserrisiken, leiten Wasser zu schnell ab und senken den Grundwasserspiegel, wodurch Lebensgemeinschaften „verdursten“. Auch die Landwirtschaft spürt dies und kompensiert durch massive Beregnung. Wiederhergestellte, intakte Flusssysteme sind daher ein Gewinn für Mensch und Natur.
Unser Team der EGGERS Kampfmittelbergung war 2024 an der Machbarkeitsstudie des Bundes zur industriellen Bergung von Munition aus der Ostsee beteiligt. In Nord- und Ostsee lagern große Mengen Altmunition aus den Weltkriegen. Wie bewertet der NABU das Problem?Die strategische Räumung von Munitionsaltlasten in Nord- und Ostsee ist eine Generationenaufgabe. Das war der Grund, warum insbesondere die Bundespolitik, aber auch Küstenländer zu lange zögerten und das noch heute tun, hier „all-in“ zu gehen. Doch je länger wir warten, je höher der Preis für Mensch und Umwelt. Umso wichtiger ist der Schulterschluss, den die Politik, die Industrie, darunter Sie als EGGERS, die Forschung und der Naturschutz in den vergangenen Jahren gemacht haben. Mit dem Sofortprogramm „Munition im Meer“ konnte es losgehen, um zu zeigen, dass Wissen und Know-how da sind, die systematische Räumung anzugehen.
Welche Gefahren gehen von diesen Altlasten für die Meeresumwelt aus – und welche Lösungsansätze sehen Sie?Uns rennt die Zeit davon. Durch Korrosion gelangen Sprengstoffe wie TNT und RDX ins Meer, sie sind erbgutverändernd und krebserregend und wurden bis in Speisefische nachgewiesen. Früher wurde Munition oft bei „Gefahr im Verzug“ gesprengt – mit tödlichen Folgen für Schweinswale und andere Meerestiere. Immer öfter werden Schießwolle oder weißer Phosphor an Stränden angespült und gefährden Menschen. Die Argumente für eine schnelle Räumung sind zahlreich.
Wie sieht Ihre Vision für eine „gesunde Havel und saubere Ostsee“ in 20 Jahren aus?
Gute Frage. Ich bin Optimist. Meere und Flüsse sind sehr regenerationsfähig. Solange wir ökologische Kipppunkte vermeiden, kann sich die Natur selbst helfen – wenn wir Schadstoffe reduzieren, Schutzgebiete wirksam gestalten und Wiederherstellungsmaßnahmen in die Fläche bekommen. Ich glaube, dass eine gesunde Ostsee und eine intakte Havel mit hoher Biodiversität möglich sind. Mit der Natur schützen wir unsere Lebensgrundlagen und ermöglichen eine nachhaltige wirtschaftliche Nutzung.
Was können wir alle – als Bürger – konkret beitragen?
Mehr als wir denken. Natürlich braucht es den Ordnungsrahmen der Politik, die nachhaltigen Initiativen der Wirtschaft. Aber auch wir treffen täglich Entscheidungen – wie wir einkaufen, Fisch und Fleisch konsumieren, reisen, Sport treiben und zur Arbeit kommen. Wenn alle ihren ökologischen Fußabdruck nach ihren Möglichkeiten verringern, dann erreichen wir als Gruppe ein Leben im Einklang mit der Natur.