Seit einigen Jahren begegnet uns der Begriff PFAS immer häufiger in den Medien. Die sogenannten per- und polyfluorierten Alkylsubstanzen umfassen rund 15.000 verschiedene chemische Verbindungen. Durch ihre vielseitigen Eigenschaften sind sie weit verbreitet, aber kaum abbaubar und problematisch für Umwelt und Gesundheit. Was genau hinter diesen Stoffen steckt und warum sie so kritisch bewertet werden, erklärt der Umweltchemiker Ralf Ebinghaus vom Helmholtz-Zentrum Hereon

Ralf Ebinghaus leitet das Institut für Umweltchemie des Küstenraumes am Helmholtz-Zentrum Hereon.
P: Herr Professor Ebinghaus, wie sind Sie auf das Thema PFAS gestoßen?
RE: Das geht tatsächlich rund 25 Jahre zurück. Wir haben damals Daten zur PFAS-Belastung in der Arktis gesehen – in Alaska, um genau zu sein. Das war überraschend, weil die dort gefundenen Stoffe weder flüchtig noch gut wasserlöslich waren. Die Frage war also: Wie gelangen solche Substanzen überhaupt in so entlegene Regionen? Diese Fragestellung war der Ausgangspunkt unserer Forschung.
P: Und wie sind Sie dieser Frage nachgegangen?
RE: Zunächst mussten wir überhaupt Methoden entwickeln, um PFAS zuverlässig nachzuweisen. Das war aufwendig, weil viele Analysegeräte selbst Teflon, also PFAS, enthalten. Erst danach konnten wir die Transportwege untersuchen. Dabei haben wir herausgefunden, dass es sich hier um sogenannte Vorläuferverbindungen handelt. Diese sind flüchtiger, gelan gen über die Atmosphäre in entfernte Regionen und werden dort zu stabilen PFAS-Endprodukten umgewandelt.
P: Was macht PFAS so besonders – und problematisch? 
RE: Alle PFAS haben eines gemeinsam: eine extrem stabile Kohlenstoff-Fluor-Bindung. Das ist die stärkste Bindung in der organischen Chemie. Sie sorgt für extreme Stabilität, aber auch dafür, dass diese Stoffe praktisch nicht abgebaut werden – daher der Begriff „Ewigkeits chemikalien“. Gleichzeitig reichern sie sich in Organismen an, insbesondere in Leber und Blut.
P: Wo begegnen uns PFAS im Alltag?
RE: Fast überall. Es gibt hunderte Einsatzbereiche – von Textilien über Verpackungen bis hin zu Medizinprodukten. Besonders verbreitet sind sie dort, wo Materialien wasser-, fett- oder schmutzabweisend sein sollen oder extremen Bedingungen standhalten müssen, etwa in der Automobilindustrie oder bei Feuerlöschschäumen, bei Polstern oder Teppichen.
P: Gibt es typische Belastungsschwerpunkte?
RE: Ja, vor allem rund um Industrieanlagen, Militärflughäfen oder Orte, an denen PFAS-haltige Feuerlöschschäume eingesetzt wurden. Dort können hohe Konzentrationen im Boden und Grundwasser auftreten. Böden wirken dabei wie ein Gedächtnis: Einmal eingetragen, bleiben die Stoffe über Jahrzehnte erhalten und werden langsam freigesetzt.
P: Welche gesundheitlichen Risiken gehen von PFAS aus?
RE: PFAS können das Immunsystem schwächen, den Hormonhaushalt beeinflussen und stehen im Zusammen hang mit Lebererkrankungen und bestimmten Krebsarten. Auch Stoffwechselprozesse wie Cholesterin- oder Insulinregulation können gestört werden.
P: Wie nehmen wir diese Stoffe auf?
RE: Der wichtigste Aufnahmeweg ist die Nahrung, insbesondere tierische Produkte. Trinkwasser spielt vor allem in belasteten Regionen eine Rolle. Ein eindrückliches Beispiel: Bereits mit 125 Gramm Wildschweinleber ist die empfohlene Jahresdosis an PFAS erreicht.
P: Wie sieht die Zukunft aus – wird es strengere Regeln geben?
RE: Davon ist auszugehen. In der EU gibt es bereits konkrete Vorschläge, die gesamte PFAS-Stoffgruppe stark zu beschränken. Das könnte ein entscheidender Schritt sein – nicht nur für den Umweltschutz, sondern auch als Innovationsmotor. Schon heute zeigt sich: Allein die Ankündigung strengerer Regeln hat die Entwicklung von Alternativen deutlich beschleunigt. Für rund 75 Prozent der Anwendungen gibt es bereits Lösungen, etwa bei Feuerlöschschäumen. In der Automobilindustrie wird am Einsatz von Lithium- Eisenphosphat-Akkus als Ersatz für Lithium- Ionen-Akkus gearbeitet. Gleichzeitig entsteht ein dynamischer Markt für Sanierungstechnologien.
P: Ist eine Welt ohne PFAS realistisch?
RE: Teilweise ja. In einigen Bereichen – etwa bei Textilien – ist der Ausstieg bereits gelungen. In anderen, insbesondere in der Medizintechnik, wird es deutlich schwieriger, da PFAS dort unverzichtbare Funktionen erfüllen und für den Patienten sehr sicher sind, zum Beispiel in Herzklappen oder Dialyseschläuchen. Deshalb setzt die Regulierung auf einen differenzierten Ansatz: Nicht-essenzielle Anwendungen sollen verschwinden oder ersetzt werden. Für essenzielle Anwendungen ohne Alternativen gibt es Ausnahmen. Zudem gilt: Es braucht ein Umdenken über einzelne Stoffe hinaus – ganze Prozesse müssen neu gedacht werden. Für die Beseitigung bestehender Belastungen gibt es keinen einheitlichen Lösungsweg; stattdessen sind maßgeschnei derte Ansätze je nach Standort erforderlich. Langfristig wird sich zeigen, dass Regulierung, wirtschaftlicher Druck und technologische Innovation zusammenwirken: Während Investoren sich zunehmend aus PFAS-Geschäften zurück ziehen, wächst gleichzeitig ein milliardenschwerer Markt für Alternativen und Sanierung. Eine vollständige PFAS-freie Zukunft ist daher nicht in allen Bereichen realistisch – aber eine deutliche Reduktion sehr wohl.
P: Ihr persönliches Fazit?
RE: PFAS sind ein globales Umweltproblem mit enormer Tragweite. Die Flinte ins Korn zu werfen, hilft nicht. Entscheidend ist, dass wir jetzt konsequent handeln und gleichzeitig Innovation fördern.