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Alles im Fluss

Im schönen Brandenburg findet das derzeit größte Fluss-Renaturierungsprojekt Europas statt – und die EGGERS Umwelttechnik ist Teil davon: Auf einer Länge von rund 80 Kilometern wird die Havel wieder mit ehemaligen Flussarmen und umliegenden Gewässern verbunden, so dass sich eine natürliche Auenlandschaft bilden kann.

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Dennis Weska (rechts) und Dominic Krüll stammen beide aus der Region

Bei goldenem Herbstwetter geht es Anfang November ins Örtchen Bützer, um dort vom Land aufs Boot zu wechseln und das Ufer der Havel abzufahren. Unterwegs zeigen Jürgen Keiper und Dennis Weska, welche Maßnahmen bereits umgesetzt wurden.

„Dieses Jahr haben wir 10. Jubiläum“, beginnt Keiper, während das Boot über den Fluss tuckert. Rechts und links steigen Gänse auf, die Wolken spiegeln sich im Wasser. Es gibt schlechtere Arbeitsplätze. Jürgen Keiper begleitet das Naturschutzprojekt „Untere Havel“ als Technischer Leiter. 2005 wurde es ins Leben gerufen, 2015 begannen die Umbauarbeiten. Die Maßnahmen erstrecken sich von Bahnitz bis nach Gnevsdorf. Die EGGERS Umwelttechnik ist derzeit auf rund 50 Flusskilometern zwischen Havelberg und Premnitz aktiv. Auftraggeber ist der NABU, finanziert von der Bundesregierung.

SE_20251105_0089_HighResEin Fluss mit Geschichte
„In den 1950er Jahre wurde die Havel intensiv als Transitstrecke zwischen Hamburg und Westberlin genutzt“, weiß Keiper. „Berlin mit seiner Insellage erhielt viele Waren auf dem Wasserweg. Täglich fuhren hier Heizöltanker lang. Die Havel war damals ziemlich trüb.“ Mittlerweile ist das Wasser glasklar. Berufsschifffahrt gibt es auf diesem Abschnitt nicht mehr – aber Hausboote dürfen noch fahren, für touristische Zwecke.

Die Havel misst über 330 Kilometer. Ihre Quelle liegt in Mecklenburg-Vorpommern, bei Havelberg mündet sie in die Elbe. Bereits 1875, im Zuge der Industrialisierung, wurde der Flusslauf begradigt und mit Staustufen versehen, um eine ganzjährige Schiffbarkeit zu erzielen. Die Havel ist durch viele Seen miteinander verbunden – der Einsatz von Schleusen und Wehren garantierte einen gleichbleibenden Wasserstand in den Kanälen und Häfen.

Zurück zu den Ursprüngen
Damals wurde das komplette Ufer mit Steinen befriedet. Zu EGGERS‘ Aufgaben gehört es, dieses Deckwerk zurückzubauen, so dass sich natürliche Schilf- und Sandzonen bilden können. Das schafft Lebensräume, in denen Jungfische, Ufervögel, Biber, Nutria, Otter & Co. sich wohl fühlen. Auch alte Flussarme, die mit der Zeit verlandet sind, werden wieder ausgehoben und bieten künftig Ruhezonen für Fische und andere Amphibien. Flora und Fauna soll sich hier gedeihen können.

„Übergeordnetes Ziel ist es, eine natürliche Auenlandschaft entstehen zu lassen“, erklärt Jürgen Keiper. „Das erreichen wir mit dem Anschluss von Altarmen, dem Rückbau von Deichen und dem Herstellen von Flutmulden, so dass das Wasser zirkulieren und das Gebiet großräumig überfluten kann.“ Der gebürtige Brandenburger hat Wasserbau gelernt; er ist Experte für Uferbefestigungen, hydraulische Berechnungen von Flussläufen etc.

Die Staustufen bleiben bestehen, sie lassen sich nicht mehr zurückbauen. Von Mitte Oktober bis Mitte Dezember geht die Havel in den Winterstaubetrieb. Dann hebt sich der Wasserpegel um 30 cm an, das Terrain wird überflutet. Im Sommer geht es umgekehrt in den Sommerstaubetrieb: Der Wasserstand wird um 30 cm abgesenkt, so dass die Landwirte noch eine extensive Nutzung durchführen können, mit Muttertierherden oder zur Heugewinnung.

Im Takt der Natur
SE_20251105_0011_HighResDas Arbeiten im Naturschutzgebiet ist eine Sache für sich. Bedingt durch die Brut- und Rastzeiten zahlreicher Vogelarten sind Eingriffe lediglich von Oktober bis März erlaubt. „Noch haben wir warme Herbsttage und trockene Böden, aber die Havel steigt. In einem Monat ist die Auenlandschaft überflutet“, erläutert Dennis Weska. Als Bauleiter ist er regelmäßig vor Ort. Er weiß: Der Winter, die Witterung und die hohen Wasserstände erschweren den Einsatz. „Was wir dann aus den Altarmen herausholen, ist nasser Boden, Schlick und Schlamm. Das am Lagerplatz ordentlich aufzunehmen bzw. zu schichten, ist kniffelig.“ Zum Glück ist die Baggertechnik GPS-gesteuert. Der Fahrer orientiert sich unter Wasser am digitalen Geländemodell.

Für die Bodenarbeiten braucht es Bagger, Raupen, Schlepper, Raupendumper, Radlader. Sie werden mit biologisch abbaubaren Treibstoffen betrieben, die Betankung erfolgt mit Auffangbehältern. Keins der Geräte darf auf dem Landweg zu seinem Einsatzort fahren – alle Transporte finden übers Wasser statt. „Das ist aufwendiger als bei normalen Baumaßnahmen“, so Weska. „Sorgfalt ist hier wichtig.“

Einzig der Big Float schwimmt von allein – ein Amphibienbagger, der sowohl an Land als auch auf dem Wasser agiert. „Der hat bei uns ein Alleinstellungsmerkmal“, betont Weska. „Es gibt deutschlandweit nur fünf oder sechs Geräte dieser Art. Die Anschaffungskosten liegen bei 750.000 Euro.“ Drei Personen bei EGGERS können ihn bedienen. An der Havel ist es Baumaschinist Marvin Johns – vor einem Jahr wurde er angelernt und ist nun Stammfahrer.

Ein nachhaltiger Einsatz
Rund 70.000 Kubikmeter an Erdmassen hat EGGERS im Zuge der Renaturierung bisher bewegt. 50.000 davon wurden wiederverwendet – zur Geländemodellierung oder zum Anlegen von Brutinseln. Vor jedem Aushub werden Bodenproben entnommen und im Labor untersucht. „Der Boden kann mit Schwermetallen kontaminiert sein“, erklärt Keiper. „Früher haben ansässige Betriebe ihre Abwässer ungeklärt in den Fluss eingeleitet. Dazu die Schifffahrt, das Motorenöl.“ 25.000 Kubikmeter wurden fachgerecht entsorgt. Die Deckwerksteine werden recycelt und an anderer Stelle wieder eingesetzt oder zu Tragschichten runtergebrochen. Auch eine Auenwaldbepflanzung umfasst der Auftrag. Die Fertigstellung des Projekts ist für 2033 geplant.

Es mag beschaulicher zugehen an der Havel. Doch nicht weniger effizient: In zehn Jahren hat EGGERS hier 7,5 Millionen Euro umgesetzt – und viel bewegt.

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Daniel Steinmetz
Leiter Unternehmenskommunikation